Irrtümer über Sozialisation

Ein Beitrag von Wibke Hagemann

Sozialisation von Welpen bedeutet mehr als Spielen

Die Ausbildung eines Welpen legt die Grundsteine für das spätere Leben. Die Sozialisation mit anderen Lebewesen, insbesondere Artgenossen, ist ein wichtiger Teil davon. Sozialisation bedeutet, ein Lebewesen zu vergesellschaften oder zu vergemeinschaften. In diesem Prozess lernt das junge Individuum die Regeln seines Umfeldes und den Umgang mit den Lebewesen in seiner Umwelt.

Dies bedeutet für Hundewelpen, dass sie eine Vielzahl an positiven Begegnungen mit Menschen, Artgenossen und anderen Tieren haben sollten. Dennoch bin ich immer wieder erstaunt, um nicht zu sagen erschrocken, wie viele Hundehalter, aber auch Tierärzte und Hundetrainer, auf einen Wissenstand von vor 30 Jahren beharren. Sie glauben, eine gute Sozialisierung sei gleichbedeutend mit Spielen unter Artgenossen, beziehungsweise mit Hundekontakt aller Art, egal ob positiver oder negativer Natur.

Einige der gängigen Vorurteile und Irrtümer zum Thema Sozialisation teilen wir in diesem Beitrag mit Ihnen.


Top 1 – „Sozialisation findet nur beim Spielen statt“

Viele Studien und wissenschaftliche Artikel belegen inzwischen, dass Spiel im Sinne einer positiven Interaktion unter Hunden zumeist nur dann stattfindet, wenn die Hunde sich bereits kennen und bestimmte Rahmenbedingungen gegeben sind.

Das „Spielen“, das bei vielen Welpentreffen und Hundespielgruppen zu beobachten ist, hat mit positiver Interaktion vielerorts leider nichts zu tun. Dort mobben Stärkere die Schwächeren, sensible Hunde werden überfordert und junge Hunde üben sich in Verhalten, die im späteren Verlauf ihres Lebens zu Problemverhalten führen können.

Leider sind dort oft Welpen zu sehen, die in viel zu hoher Erregungslage kläffend übereinander herfallen oder verschüchterte Kandidaten, die mit dem Satz „Da muss er durch!“ verängstigt zurück ins Getümmel geschickt werden. Bedauerlicherweise finden die menschlichen Zuschauer dies häufig auch noch niedlich und glauben fest an den positiven Effekt.

Spiel, dass das Sozialverhalten unter Hunden fördert, dauert im Schnitt 10 Minuten. Eine Welpenspielgruppe, in der die Welpen 30 Minuten oder länger wild toben, ist leider nicht up-to-date und richtet oft mehr Schaden an, als dass sie gutes Sozialverhalten fördert.

Positive Interaktionen sollten vorwiegend im Alltag gesucht werden und eben nicht nur einmal in der Woche auf einem Hundeplatz stattfinden. Eine moderne Hundeschule erklärt Hundehaltern, wie diese positive Sozialisation im Alltag stattfinden kann und hilft dabei, die Körpersprache des Welpen richtig zu deuten. Gezielte positive Begegnungen mit Artgenossen in ruhiger Form und für ein paar Minuten sind viel mehr wert, als eine Stunde wildes Toben, bei dem der Lerneffekt des Hundes zum Großteil kein erwünschtes Verhalten für sein weiteres Leben beinhaltet.

Hunde kommunizieren durch Körpersprache und Sozialisation findet während jeder Hundebegegnung statt, ob mit direktem Kontakt oder ohne. Es liegt am Menschen dafür zu sorgen, dass eben diese Kontakte überwiegend positiv und ruhig sind, damit dies später zur Normalität wird.


Mehr darüber, wie es dem ‘Gefühlswesen Hund’ in unserer modernen Welt geht, erfahren Sie im Blogbeitrag zum Thema „Wie Hunde emotionale Herausforderungen meistern„.


Top 2 – „Der Welpe kann ohne Leine zu anderen Hunden zum Spielen gelassen werden, denn er hat ja ‚Welpenschutz’“

Hunde sind soziale Lebewesen, aber nicht jeder Hund ist sozial. Den viel zitierten Welpenschutz gibt es nicht. Ein erwachsener Hund, der mit dem Welpen nicht verwandt ist, hat keinen Grund diesen Welpen zu schonen. Im Gegenteil, viele erwachsene Hunde fühlen sich von aufgedrehten und aufdringlichen Welpen belästigt und erwidern die ungestüme Kontaktaufnahme mit barscher Zurückweisung. Eine unschöne Lernerfahrung für den Welpen.

Die Zurückweisung eines erwachsenen Hundes erfolgt allerdings oft zurecht, auch bei Hunden, die durchaus sehr soziale Vertreter ihrer Spezies sind.  Stellen Sie sich vor, ein 3-jähriges Kind würde Ihnen in einem Supermarkt mehrfach vor das Schienbein treten und wild kreischend um Sie herumrennen. Würden Sie dem Kleinen danach noch fröhlich einen Lolli kaufen? Vermutlich nicht.

Von einem erwachsenen Hund wird allerdings erwartet, dass er sich geduldig mit spitzen Welpenzähnen beißen lässt und mit dem kleinen Racker freundlich spielt.

Wenn wir es aus Hundesicht betrachten, ist es verständlich, dass dem erwachsenen Hund irgendwann der Geduldsfaden reißt und er den Welpen körperlich zurechtweist. Es sind die Menschen, die den unwissenden Welpen in einen erwachsenen Hund rennen lassen und dabei in Kauf nehmen, dass dieser eine negative Hundebegegnung erlebt, die bei einem nicht sozialen Gegenüber sogar lebensgefährlich sein kann.

Ist der erwachsene Hund augenscheinlich freundlich und an dem Welpen interessiert, bietet dies eine gute Gelegenheit, dass sich die Hunde an der Leine kurz kennenlernen. Ein gegenseitiges Beschnüffeln, eine nette körpersprachliche Unterhaltung und dann geht es mit dem Menschen weiter.


In unseren Welpen- und Junghundegruppen lernen Sie im geschützten Rahmen, wie sie das Treffen mit anderen Hunden für Ihren Hund stressfrei und angepasst gestalten können.


Top 3 – „Welpen, die viel spielen dürfen, sind später besonders sozial und ausgeglichen“

Im übermäßigen „Spiel“ zwischen Artgenossen lernen Hunde Verhalten auf vielen verschiedenen Ebenen. Sie lernen, dass Artgenossen bedeuten, dass sie abgeleint werden. Sie lernen, andere Hunde zu jagen oder sich jagen zu lassen, wildes Bellen und sich körperlich auseinander zu setzen. Sie verknüpfen hohe Erregungslagen und Aufregung mit der Situation, dem Ort oder der Anwesenheit von anderen Hunden.

All diese Verhaltensweisen gehören dann zukünftig zum Kontext „Spiel“ und im schlimmsten Fall sogar allgemein zu allen Hundebegegnungen.  Sehr oft werden uns junge Hunde in der Hundeschule vorgestellt, die in Anwesenheit anderer Hunde nicht in der Lage sind, Ihre Aufmerksamkeit auf ihre Menschen zu richten. Wie im Tunnelblick sehen sie nur die anderen Hunde, sind total aufgeregt und in der Erwartung, dass sie jetzt toben dürfen.

Leider hat der Mensch dem Hund genau dies wochenlang beigebracht: zu einer Wiese gehen oder fahren und den Hund dort von der Leine und toben lassen. Leider weicht das, was der Hund so über viele Wiederholungen lernt, oft stark davon ab, was wir im Alltag von unserem Hund in Anwesenheit anderer Hunde erwarten.

Viele Hunde entwickeln bei übermäßigem „Spielen“ die Erwartungshaltung, dass andere Hunde bedeuten: „Jetzt wird gespielt“ – Hundespielparty.

Dass wir Menschen morgens um halb sechs vor der Arbeit keine Lust haben, im Regen darauf zu warten, dass der Hund fertig gespielt hat, verstehen die Hunde nicht. Der Hund versteht auch nicht, dass sein Mensch, der dieses Verhalten im Welpenalter niedlich fand, den ausgewachsenen 25-kg-Bulldozer an der Leine nicht mehr niedlich findet. Der Mensch macht sich selbst zum Spielverderber und der Hund ist frustriert – ein hausgemachtes Problem.

Viel wichtiger wäre es, dem Hund frühzeitig beizubringen, dass wir Menschen der wichtige Sozialpartner sind und bereits im Welpenalter darauf zu achten, dass wir Menschen nicht nur eine Randfigur sind, die den Hund im schlimmsten Fall eben genau an dem hindert, was er wochenlang als Welpe gelernt hat: „Spielen mit anderen Hunde ist toll – mein Mensch stört dabei nur.“


Eine gute Welpenausbildung beinhaltet neben positiven kurzen Spielsequenzen eben auch, dass der Hund lernt, in Anwesenheit anderer Hunde zur Ruhe zu kommen und nach dem Spielen seine Aufmerksamkeit auf seinen Menschen zu richten.

Denn sind wir mal ehrlich – Wer von uns kann seinem Hund täglich stundenlanges Freispiel mit Artgenossen ermöglichen?! In unserem Alltag sind wir die Hauptsozialpartner unseres Hundes und genau deshalb sollte der Hund andere Hunde nett finden, aber seinen Menschen muss er toll finden. Der Hund sollte sozial sein und anderen Hunden ruhig und ohne Angst begegnen können. Genau dafür legen wir im Welpenalter die Grundsteine und mit stundenlangem Spielen, lernt der Hund dies nicht.

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